Mein 50. Marathon am Ende der Welt von Tom Appel

Mein 50. Marathon am Ende der Welt von Tom Appel

Anbei ein umfassender Bericht zur Abenteuerreise ans andere Ende der Welt!

Warum eigentlich Neuseeland? Um ehrlich zu sein: Zufall. Fest stand nur, dass mein 50. offizieller Marathon ein besonderer werden sollte. Kein klassischer Städte-Lauf, kein Asphalt, keine Massen. Je weiter weg und je ausgefallener, umso besser. Am liebsten überhaupt irgendwo, wo ich noch nie war – was sich aufgrund meiner bisherigen (Lauf-)Reisen in über 40 Ländern auf fünf Kontinenten als gar nicht so einfach erwies. Dem nicht genug sollte das Event in den Wintermonaten stattfinden, weil ich da in meinem Job als Bau-Polier einfacher Urlaub nehmen kann und das Wetterklima sollte nicht zu warm sein! . 

Und so führten mich die Internet-Recherchen zu jenem Veranstalter, der mich schon zum Grönland Marathon 2024 brachte. Hier standen schließlich wunderbarere Destinationen wie „The Great Wall Marathon“ (auch so ein Traum von mir mit 5000 Stufen!), ein „Vulkan Trail“ in Island,  oder eben der „First Light Marathon“ im neuseeländischen Gisborne in der engeren Auswahl. 

Letztendlich überzeugte mich das Image-Video zu letzterem. Sonnenaufgang am Ende der Welt, beeindruckende Lichtspiele entlang der einmaligen Laufstrecke vom wunderschönen Strand über die höchsten Gipfel der Insel. Nicht ohne Grund wurden dort große Teile der „Herr der Ringe“- und „Hobbit“-Filme gedreht. Die Wahl war entschieden. Noch dazu kostete das Startparket inklusive T-Shirt vergleichsweise günstige 140 Euro. Schnell meldete ich mich an, um überhaupt noch einen der nur 500 Plätze zu ergattern. Auenland, ich komme! 

Weniger einfach war die restliche Prozedur vom Buchen der Flüge und Unterkünfte bis hin zum Visum und auch die Einreise- bzw. Einfuhrbestimmungen nach Neuseeland sind sehr streng. Dies schreckte mich aber letztendlich genauso wenig ab wie die Reise-Distanz: Insgesamt drei Flüge über sage und schreibe 18.335 Flugkilometer.

Und dann war es soweit: Mitte Jänner 2026 hob ich von Wien-Schwechat ab nach Dubai. Weiter nach Auckland, ein 17-Stunden-Flug! Als „Herr der Ringe“-Fan  wurde ich beim dortigen, viertätigen Aufenthalt aber ausreichend für die Strapazen entschädigt. Obwohl es vier Tage lang in Strömen regnete, genoss ich die Ausflüge. Highlights waren natürlich ein Besuch im „Hobbiton Movie Set“ und eine Führung durch die „Waitomo Glowworm Caves“, aber auch die Stadtbesichtigung von Auckland City inkl. der 200 Meter hohen Aussichtsplattform im Sky Tower war sehr schön, wobei der starke Nebel für zusätzliche Atmosphäre sorgte. 

Per Inlandsflug ging es von Auckland weiter in die 38.000-Einwohner-Stadt Gisborne. Und egal, wohin mich meine Marathon-(Aus-)Flüge auch führten: Auf das Wetter war nie – bzw. so gesehen: immer 😊 – Verlass. Im Land der Hobbits viertägiger Starkregen, bei Abflug in Österreich minus 5 und nun, um 19h abends in Gisborne, 29 Grad. Plus, wohlgemerkt. Dazu noch die extrem hohe Luftfeuchtigkeit und zwölf Stunden Zeitverschiebung.  

Aber immerhin standen noch zwei Tage zur Eingewöhnung am Kalender, samt Erkundungstouren, Spaziergänge am Strand, teilweiser Besichtigung der Laufstrecke, einer Willkommens-Zeremonie der Maori und der obligaten Pasta Party am Vorabend des großen Tages. 

Der Marathontag begann bereits um 3 Uhr morgens: Tagwache, kurzes Frühstück, drei Kilometer Fußmarsch (gutes Aufwärmprogramm) zum Start-Punkt. Um 05:40 ertönte schließlich das offizielle Startsignal! Wir schrieben den 24. Jänner und 432 Teilnehmer*innen aus 26 Nationen starten ihren „First Light Marathon 2026“, mittendrin einer aus Niederösterreich! 

Die Strecke führte hinaus aus dem „Midway Surfer Club“, den Strand entlang Richtung Innenstadt. Danach liefen wir ca. einen Kilometer lang auf Zugschienen bis zum Ende des Hafens, sehr beeindruckend, bevor uns bei KM 3,5 die ersten Stufen erwarteten. Also hinauf – und rein in den Wald. Immer weiter hinauf, immer weiter hinein. Bei Kilometer Fünf eine Trinkwasser-Station mit perfektem Ausblick über die Insel. Dazu ging, fast schon zu kitschig, die Sonne auf und wies uns, zusammen mit über 900 roten Markierungsfahnen (Top Organisation!) den Weg. Dieser hatte es dann auch in sich und führte über Steine, Geröll, Felsen, Moos, Gras und viele schmale enge Trampelpfade bis ins höchste Gebirge. Ein Wahnsinn für sich: 3 Kilometer durch den überschwemmten Strand, voll mit allerfeinstem Sand. Sicher ein Traum beim Badeurlaub, weniger ideal beim Marathonlaufen. An den nassen Schuhen, Socken, Beinen: überall Sand. Und auch die anfangs so schön scheinende Sonne erwies sich zunehmend als Spielverderber. Hatte es beim frühmorgendlichen Start noch halbwegs angenehme 17 Grad, waren es bei der Halbmarathon-Distanz schon heiße 30. Da käme ein wenig Wind ganz recht? Ein wenig, ja, blöderweise brausten über den Berggipfeln dann ziemlich harte Böen.   

Lasen sich die 1.400 Höhenmeter schon vorab auf den Unterlagen recht anstrengend, erwiesen sich die An- und Abstiege in der Praxis als noch viel anstrengender und teilweise auch als gefährlich. Stellenweise musste man nach sich am Gras festhalten, um auf den steilen Passagen nicht auszurutschen. In meiner Lauf-Bahn hab ich wirklich schon viel erlebt und so einiges aushalten und überwinden müssen, aber dermaßen extrem war es bis dato noch nie. Je länger das Rennen dauerte umso unerträglicher wurde die Hitze und so stärker die Windböen entlang am Gipfel.

Andererseits habe ich mir für dieses spezielle Abenteuer auch keinerlei Limit oder sportliche bzw. zeitliche Vorgaben gesteckt. Mir war es von Anfang an egal, wie lange ich brauche. Ich wollte lediglich das Jubiläum genießen und meinen 50. Marathon als etwas besonderes in Erinnerung behalten. Mental war ich top eingestellt. Und diese Vorgabe wurde mehr als nur erfüllt. 

Ein klein wenig Planung gehört natürlich trotzdem dazu, zumal die Veranstalter mehrmals ausdrücklich gewarnt haben, dass die zweite Hälfte des Rennens noch anstrengender als die erste wäre. Dementsprechend legte ich meinen Lauf an und kam trotz der erwähnt harten Bedingungen erst ab KM 30 wirklich ins Straucheln. Hier erwartete uns ein weiterer „Aufstieg“ und nicht nur meine müden Beine, sondern auch mein Puls marschierte in ungewohnte Höhen. Steine, Hitze, Sturmböen. Aber auch alle hundert Meter neue Motivations-Sprüche von den Veranstaltern. Dennoch: Als es bei KM 35 endlich wieder etwas bergab ging, hatte ich die wohl anstrengendsten fünf Kilometer meiner Karriere hinter mir. 

Nun erinnerte der „First Light“ wieder an einen halbwegs normalen Marathon, geregelter Lauf über feste – und mehr oder weniger gerade – Wald und Steinböden und da war es fast schon egal, dass sich erstmals meine Hüfte meldete und ich die ersten noch zarten Vorboten eines letztendlich heftigen Sonnenbrands im Gesicht verspürte. Drei Kilometer vor dem Finish entschloss ich mich gegen Hitzekollaps und fürs Gehen. Im gemächlichen Tempo und das Ziel vor Augen kamen ungeahnte Kräfte zurück und auch die nun wieder wunderschöne Strand-Atmosphäre führte dazu, dass meine geschundenen Füße wie von selbst wieder zu laufen begannen. 

Und so lief ich tatsächlich ins Ziel, nach 42,60 Wahnsinns-Kilometern, 5 Stunden und 33 Minuten puren Irrsinns und einem, auch emotional, unglaublichen Höhenflug.  Dazu passend beendete ich meinen 50. Marathon – auf Platz 50. 

Nach etwa einer Stunde Ausruhen im Finisher-Bereich ging es – Betonung auf „ging“ – zurück in die Unterkunft, später noch in die City. Stolze 7 Kilometer, aber da war es dann auch schon egal. Und einfach nur schön. Jetzt erst begann ich das Geschehene zu realisieren, war unglaublich happy, stolz und verspürte trotz all der Strapazen keinerlei Schmerzen. Ich suchte ein nettes Lokal auf, bestellte eine einfache Pizza – und trotzdem war es die vielleicht beste Pizza meines Lebens. 

Zum Ausklang gab es noch etwas Sightseeing, Shopping und ein offizielles „Celebration Dinner“ mit allen Teilnehmer*innen etwas außerhalb der Stadt in einem hübschen Wein-Domizil. Dabei erzählte mir eine Läuferin aus England, dass sie erst nach neun Stunden ins Ziel kam, da war bereits alles abgebaut, aber sie hat trotzdem gefinished und ihre Medaille bekommen. Auch das spricht für die Organisation und die Herzlichkeit der Veranstalter, aber auch für den Wahnsinn des „First Light Marathons“ in Gisborne, Neuseeland. 

Nach einem zehntätigen Trip, den ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde, begab ich mich auf die Rückreise. Dass diese über 40 Stunden dauerte: Geschenkt. Und die Gefühle, als ich schließlich endlich wieder bei meiner Familie in Ungerndorf ankam, sind ohnedies nicht zu beschreiben. Wie eigentlich der ganze Marathon-Ausflug nach Neuseeland. Ackland, Gisborne, Auenland: Unbeschreiblich, einzigartig, legendär. 

Ein mehr als würdiges Jubiläum.

Eigentlich dachte ich ja schon über meine Marathonpension nach, aber nach so einem Erlebnis denke ich eher an eine Fortsetzung! 

Tom Appel, eh.

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